• slide
  • slide
  • slide
  • slide
  • slide
  • slide
  • slide
  • slide
  • slide

Immanuel Kant Schule Neumünster

Mozartstraße 36 D-24534 Neumünster

Telefon: 04321/265320 Fax: 04321/26532-99

Infos für 4.Klässler

Kalender

Rede von Herrn Grode bei Herrn Rahns Verabschiedung

Versuch, sich seinem scheidenden Chef zu nähern...

...lautet die Überschrift der Grußworte von Ulrich Grode, welcher stellvertretend für das Kollegium der IKS sprach. Seine Worte waren sicherlich einer der Höhepunkte der Veranstaltung, weshalb seine Rede im Folgenden noch einmal nachzulesen ist.

 

Lieber Herr Rahn,

auch im Namen des Kollegiums der Immanuel - Kant - Schule möchte ich mich

bei Ihnen für die geleistete Arbeit ganz herzlich bedanken.

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler ... ... Versuch, sich seinem scheidenden Chef zu nähern.

Der Wagen mit dem Kennzeichen KI - NV 233 glitt aus dem schläfrigen Dunkel des Stadtwaldes über die Schienen des erleuchteten Bahnübergangs und ordnete sich wie von selbst links ein, um am Freibad abzubiegen. Von Sven Hasenclever hatte er sich während der Fahrt informieren lassen, NDR info, „Wissen, was die Welt bewegt", und wenn er erfuhr, wie mit Klima, Wirtschaft, Finanzen vielfach umgegangen wurde, spürte er manchen Groll. 68er — Erinnerungen wehten ihn an und vermischten sich mit der warmen Luft aus der Wagenheizung; denn draußen war es kalt.

Bachstraße, Mozartstraße, Immanuel Kant, 200 m weiter Beethoven, welche Namen! Er aber dachte an Chopin, den er am Abend zuvor wieder einmal auf dem Klavier zur Entspannung gespielt hatte und dessen Melodien ihn jedes Mal beglückten. Diese leisen Töne lagen ihm mehr als das ungebremste „Jauchzet, frohlocket..." eines Bach, der Kirchenschiffe zum Beben bringen konnte.

Im Schneeflockengestöber standen an der Einfahrt zum Lehrerparkplatz ein paar rauchende Kolleginnen und Kollegen, wenige, den Mantelkragen hochgeklappt oder unter die Kapuze gekrochen, geduckt, von einem Bein aufs andere wippend, ein versprengtes Häuflein einer Welt von Gestern, als Kinohelden, Schriftsteller, selbst Politiker auf Bildschirmen oder Kinoleinwänden noch rauchen durften. Jetzt wirkten sie wie zur Abschreckung postiert für eine Jugend, die morgenfrisch und bildungshungrig der Schule zueilte; seht, so werdet ihr in der Kälte stehen müssen, draußen vor der Tür, wenn ihr ...; er aber verstand sie trotzdem, bis auf den Grund oder besser : bis auf den Filter.

Als er den Wagen abgestellt hatte, sah er : Die Schule lebte bereits. Frau Christophersen empfing ihn auch heute mit Morgengruß und einem Lächeln, das einen guten Tag verhieß. Sie hatte die Thermoskanne mit dem Bio - Kräutertee bereitgestellt, dieser Traummischung aus Pfefferminze, Fenchel, Melisse, Kamille, Anis und Zitronengras, die durch den Tag trug. Er hatte sein selbst gebackenes Vollkornbrot ausgepackt, dazu einen Apfel und eine Banane. Im hellen Licht der Schreibtischleuchte lagen die Zettelchen mit den Terminen und Aufgaben des Tages wohlgeordnet und klar strukturiert vor ihm. Mit einem „Ich mach dann mal meine Runde..." ging er los.

Als er das Büro seines Stellvertreters und Stundenplanmachers betrat, schlug ihm ein leises Knurren entgegen. Eine stattliche Hündin, Deutsch - Kurzhaar, lag zur Linken ausgestreckt auf einer Decke und hatte wachsam, ihren Herrn warnend, den Kopf gehoben. „Ruhig, Sisko", versuchte dieser zu besänftigen, „der darf hier rein." Und weiter : „Guten Morgen, Jens, du kennst Sisko. Ich musste sie heute mal mitnehmen, im Übrigen : sieben neue Krankmeldungen." Eine Mischung aus Sorge, Schwermut, Verzweiflung und Verdrießlichkeit glaubte er herauszuhören, sah sich die Namen an, blickte auf den Bildschirm, auf das Farbenspiel von Kästchen, Klassen und Kursen, dachte einen Augenblick an Chopin, wie aus Krankheit, Chaos und Melancholie die schönsten Melodien entstehen konnten, und überlegte, ob er dies Michael sagen und ihm so Mut zusprechen sollte, beließ es dann aber bei einem aufmunternden: „ Es wird schon, und dann : Ich bin ja auch noch da."

Bevor er den Raum verließ, um im Lehrerzimmer nachzusehen, warf er noch einen Blick auf Sisko, die völlig ruhig und entspannt in ihrer Ecke lag, mit sich und der Welt zufrieden. Er begriff, warum Michael sie manchmal mitbrachte, zögerte allerdings; das Büro hatte etwas, das die Nüchternheit einer Welt aus Krankmeldungen, Computer, Druckern und Plänen überstieg, etwas Geheimnisvolles, Magisches. Oft schon hatte er es wie jetzt gespürt. Im Hinausgehen fiel ihm wie zufällig das Schild „Maul- und Klauenseuche" ins Auge; und an der Wand, richtig, die Fledermaus; hing sie gestern nicht anders? War sie wirklich ausgestopft? Er sah noch einmal zu Michael und Sisko. Täuschte er sich oder zwinkerten sie ihm beide zu?

Als er das Lehrerzimmer betrat und sein geräuspertes „Guten Morgen" hineinwarf, kam ihm zwar von irgendwoher eine Antwort entgegen, aber die meisten waren anderweitig beschäftigt.

Um die kleine Kaffeemaschine herum bleiche, übernächtigte Korrekturgesichter mit rotgeränderten Augen über schwarzen, dampfenden Kaffee gebeugt; aus der rechten Ecke das Jürgenssche Lachen; vor den bunten Blättern am Vertretungsbrett andächtiges Schweigen, stilles Fluchen, ergebenes Seufzen. Durch den Raum polterte fröhlich ein Altphilologe mit Kannen heißen Wassers, füllte Teebeutel, entfachte Teelichter, eine Zeitschaltuhr plärrte und es ward laut verkündet, das Getränk, den Lärm der Welt zu vergessen, sei fertig.

Unwillkürlich musste er an Rilkes Gedicht „Das Karussell" denken und die Zeile „...und dann und wann ein weißer Elefant".

Eine junge Kollegin kam strahlend auf ihn zu. „Schwanger?", durchzuckte es ihn, während er instinktiv ihre Fächerkombination nach Ersatzmöglichkeiten abklopfte und ihr ebenfalls entgegenstrahlte. Sie habe gehört, so begann sie, EVA sei schon wieder out, jetzt gehe es um ADAM. „Richtig", bestätigte er erleichtert. EVA, so die Kollegin, bedeute ja eigenverantwortliches Arbeiten. Wofür stehe dann ADAM? Das sei, so konnte er ihr erklären, die Abkürzung für aktive Durchführung aller Möglichkeiten und werde sicher auf dem nächsten Schulentwicklungstag mit der neuen Schulleiterin ein zentrales Thema sein. Ob es stimme, so die Kollegin, dass der neue Kultusminister, ein Mann, darauf gedrängt habe, EVA durch ADAM abzulösen? „Honi soit qui mal y pense", entgegnete er ihr leise mit einem zurückhaltenden Lächeln und verdeutlichte noch einmal höflich, nein, er denke nicht, im Übrigen werde EVA sicher in ADAM aufgehen, ein Teil ADAMs sein; aber Genaueres wisse er auch nicht, brach ab, als er spürte, dass er sich vom Schwangerschaftsgedanken nicht zu weiteren Vergleichen verführen lassen sollte.

Die junge Kollegin war vorerst zufrieden, zog den Mantel an, setzte die Mütze auf, schnallte ihren Jack - Wolfskin - Rucksack um und machte sich auf den Weg; denn der F-Trakt war weit.

Aber auch bei anderen machte sich Aufbruchsstimmung bemerkbar. Er liebte diesen Augenblick, diesen Moment letzter Konzentration im Geiste, dieses Suchen und Ordnen auf den Tischen und in den Taschen, da sich hier alles leerte, um sich dann in unzähligen Unterrichtsräumen zu buntem Leben zu entfalten. Da ergriff ein Grauköpfiger eine alte Geschichtskarte, um wie ein Don Quichote mit der Lanze in den Unterricht zu stürmen, dort huschte ein Physiker kometengleich hinweg, der nur mal kurz auf den Plan geguckt hatte, um sofort wieder in die oberen Räume zu eilen, zu den Sternen; Sportler zogen mit verhaltenem Muskelspiel und schweren Trainingstaschen Richtung Sporthalle; ein markanter Philosophenschädel verbreitete um sich die Aura des Erkennens, während sich Theologinnen in stiller Sanftmut übten und bei den Referendarinnen in der Mitte noch fröhliches Schnattern angesagt war, da eine mitgebrachte Vogelspinne manches Grauen auf sich zog. Reifere Romanistinnen bewahrten Contenance und die Lateiner warfen lieber einen ehrfurchtigen Blick in eine neu gebundene Ausgabe der Briefe Ciceros ad familiäres aus dem Jahre 1759, das sei Kultur.

Im Türrahmen erschien wie aus einer anderen Welt die Frühaufsicht, schneebedeckt, mit roten Backen, in der Hand einen Zettel mit den Namen der Schüler, die mit Schneebällen geworfen hatten, und den angegebenen Klassenlehrern; aber das musste jetzt erst einmal warten.

Es wurde ruhig, still. Sein Kollegium. Hatte er es geprägt? Sicher. Liebte er es? Das war wohl zu stark. Er mochte es, fühlte sich wohl inmitten dieser unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der Schulleiter, hatte er gelesen, sei ein Krisenmanager einer Firma im Dauerstress. Viel zu technokratisch, dramatisch, ökonomisch, fand er. Hier ging es doch um das Menschliche, das... Er erschrak, die Zeitschaltuhr im Lehrerzimmer hatte das Licht gelöscht. Löblich, löblich, dachte er, nun aber ans Tageswerk.

Dass das Leben einer Baustelle gleicht, weiß heutzutage jeder; aber wenn er über das Schulgelände schlenderte, meinte er, dieser Filmtitel müsste hier entstanden sein. Gewiss, in den letzten Jahren waren Sporthalle, Aula und Mensa hinzugekommen, war der B-Trakt mehrmals aufgefrischt und stabilisiert worden, aber Turm, C-Trakt, die leere Kunstfläche und dann der Schulhof, da blieb noch viel zu tun. Sauber war alles, keine Papierreste, keine Tüten oder Taschentücher lagen herum. Auch jetzt sah er eine wie vergessen wirkende Schar von jungen Schülern mit Eimer und Zange, wie von unsichtbarer Hand gelenkt, mit Argusaugen über das Gelände streichen. Aber es schmerzte ihn, dass nicht mehr geschehen war. Denn für so etwas hatte er Sinn. Nicht nur, weil er einst auch ein Architekturstudium in Betracht gezogen hatte, sondern vor allem, weil er selbst es gern hatte, mit den Händen zu arbeiten, zum einen zu töpfern, das Brot zu backen, Äpfel zu entsaften, zu kochen, zum anderen aber auch zu malen, zu tischlern, zu mauern. Dies alles war ihm hier verwehrt, war nicht vorstellbar; aber „Schaun wir mal", dachte er, „vielleicht kann ich heute noch das eine oder andere anstoßen."

Doch auch dieser Tag ließ dazu nicht viel Raum. Alltag eines Schulleiters. Was war geschehen? Das Menschliche ... Die junge Kollegin, die in der Früh mit ihrem Jack - Wolfskin - Rucksack zum F - Trakt aufgebrochen war, war dort nicht angekommen und blieb bis Mittag verschollen. Don Quichote hatte mit der Karte einen Schüler aufgespießt, der dann aber von Frau Christophersen erfolgreich verarztet und dem Unterricht erneut zugeführt werden konnte. Die Vogelspinne war während des Unterrichts abhanden gekommen, was eine mittlere Panik in der Klasse ausgelöst, mehrere Mütter auf den Plan gerufen und einen Anruf der örtlichen Presse ausgelöst hatte. Die Vogelspinne war übrigens an mehreren Stellen gleichzeitig wieder aufgetaucht und schließlich vom Hausmeister neben der Fledermaus eingefangen worden, was diesem allerdings von Sisko übel genommen und mit einer zerrissenen Hose vergolten wurde. Er hatte kurzzeitig überlegt, ein totales Handyverbot in der Schule zu verhängen, musste sich dann aber um die Referendarin kümmern, die sich um das Seelenheil der Vogelspinne sorgte.

Ciceros Briefe aus dem Jahre 1759 waren ebenfalls zeitweise verschwunden; dies hatte Verdächtigungen in Richtung Neusprachler ausgelöst und den Personalrat aktiv werden lassen, bis die Reinigungskraft, Frau Fahse, sie am frühen Nachmittag unter den Kaffeefiltern, die in der Tat eine ähnliche Farbe hatten, entdeckte und erneut der Öffentlichkeit zugänglich machte. Ein Schneeballwerfer wies ein Schneeballwurfzwangattest seines Psychologen vor, eine Krankmeldung hatte sich im Laufe des Vormittags dann glücklicherweise doch als Schwangerschaft entpuppt, eine Lehrerin für Religion beschwerte sich in einem sehr persönlichen Gespräch, von einem Mitglied des Kollegiums immer nur als „Betschwester" bezeichnet zu werden, aus dem Ministerium kam die Aufforderung, für ADAM möge doch jede Schule noch bis zum Ende des Halbjahres ein sehr konkretes Konzept erstellen, das Bauamt teilte mit, mit dem Bau des neuen Kunsttraktes könne aufgrund der Haushaltslage frühestens 2012 angefangen werden, und ein bleicher Kollege hatte während eines Gesprächs, dessen Anlass ihm zunächst gar nicht klar gewesen war, mit seinem Rotstift lauter kleine Kuhlen auf seinen Schreibtisch gemalt, die er im Nachhinein als Betten identifiziert hatte.

Am Ende war alles gut geworden, zumindest hatte er Wege gefunden, die weiterhalfen, Schule leben ließ.

Später Nachmittag. Während der Wagen über die Schienen des erleuchteten Bahnübergangs glitt und im frühen Dunkel des Stadtwaldes verschwand, gingen seine Gedanken schon mal weiter, in den Sommer hinein, dorthin, wo das Land zu Ende ist, ans Meer. Eine Stelle aus den „Buddenbrooks" von Thomas Mann fiel ihm ein : „Was für Menschen es wohl sind, die der Monotonie des Meeres den Vorzug geben? Mir scheint, es sind solche, die zu lange und tief in die Verwicklungen der innerlichen Dinge hineingesehen haben, um nicht wenigstens von den äußeren vor allem eins verlangen zu müssen : Einfachheit..."

Aber soweit wollte er jetzt noch nicht denken, morgen war wieder Schule und heute Abend ... zur Entspannung ... Chopin.

 

Neumünster, 28. Januar 2010

Ulrich Grode